Gregor Baumgartner: Führung neu denken im Zeitalter der KI

Künstliche Intelligenz verändert Prozesse, Rollen und Entscheidungswege in Unternehmen. Doch je mehr Technologie übernimmt, desto deutlicher zeigt sich, was sich nicht automatisieren lässt: Orientierung geben, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und Menschen führen. Für Gregor Baumgartner, Gründer von GET BETTER in Gallneukirchen und ehemaliger Eishockeyprofi, ist deshalb nicht die Technologie selbst die entscheidende Führungsfrage. Viel wichtiger sei, wie Führungskräfte mit den neuen Möglichkeiten umgehen und ob es ihnen gelingt, Klarheit, Vertrauen und Eigenverantwortung in ihren Teams zu stärken. Im Interview spricht Baumgartner darüber, warum Leadership heute weniger mit Kontrolle und mehr mit Verantwortung zu tun hat und was Unternehmen vom Profisport lernen können.
Wirtschaftsmacher.com: Herr Baumgartner, was macht gute Leadership heute aus?
Gregor Baumgartner: Gute Leadership bedeutet für mich vor allem, Orientierung zu geben und Verantwortung zu übernehmen. Eine Führungskraft muss nicht alles selbst wissen und schon gar nicht jede Aufgabe selbst erledigen. Sie muss aber dafür sorgen, dass klar ist, wohin die Reise geht, wer wofür verantwortlich ist und wie Entscheidungen zustande kommen. Aus meiner Erfahrung im Profisport und in Führungspositionen weiß ich, dass Feingefühl, Ehrlichkeit und Offenheit oft mehr bewirken als reines Fachwissen. Leadership zeigt sich nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben, sondern auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Wirtschaftsmacher.com: Welche Auswirkungen hat KI auf diese Führungsaufgabe?
Gregor Baumgartner: KI nimmt Führungskräften viele operative Aufgaben ab. Sie kann Daten analysieren, Texte vorbereiten oder Prozesse beschleunigen. Aber sie übernimmt keine Verantwortung für die Konsequenzen einer Entscheidung. Genau deshalb wird Leadership aus meiner Sicht sogar wichtiger. Wenn Informationen schneller verfügbar sind und Routineaufgaben automatisiert werden, geht es stärker darum, gute Entscheidungen zu ermöglichen, Prioritäten zu setzen und Menschen Sicherheit in Veränderung zu geben.
Wirtschaftsmacher.com: Bedeutet moderne Leadership also auch, Kontrolle abzugeben?
Gregor Baumgartner: Unbedingt. Wer versucht, alles selbst zu kontrollieren, wird irgendwann zum Flaschenhals. Gute Führung schafft keine Abhängigkeit von der Führungskraft, sondern Eigenständigkeit im Team. Dazu gehört, klare Erwartungen zu formulieren. Mitarbeiter müssen wissen, welchen Entscheidungsspielraum sie haben und was von ihnen erwartet wird. Wenn diese Klarheit vorhanden ist, können Menschen Verantwortung übernehmen, ohne für jeden Schritt eine Freigabe zu benötigen.
Wirtschaftsmacher.com: Viele Unternehmen investieren stark in Technologie. Wird genug in Führung investiert?
Gregor Baumgartner: Nicht immer. Technologie ist greifbar. Gute Führung ist schwerer messbar. Trotzdem beeinflusst sie jeden Tag, wie effizient ein Unternehmen arbeitet. Man sollte sich deshalb nicht nur fragen: Wo können wir mit KI Zeit sparen? Sondern auch: Wo verlieren wir Stunden durch unklare Entscheidungen, schlechte Kommunikation oder fehlende Verantwortlichkeiten? Wenn ein Team bei jeder Kleinigkeit auf die Führungskraft wartet, hilft auch die beste Software nur begrenzt.
Wirtschaftsmacher.com: Wo erkennen Sie im Arbeitsalltag besonders schnell, ob Leadership funktioniert?
Gregor Baumgartner: In Meetings zum Beispiel. Dort sieht man sehr schnell, ob Verantwortung und Entscheidungswege klar sind. Viele Meetings dauern lange, weil niemand wirklich führt. Es wird diskutiert, gute Ideen werden zerredet und am Ende ist unklar, wer was macht. Eine Führungskraft sollte deshalb für Klarheit sorgen: Was wollen wir erreichen? Welche Entscheidung muss getroffen werden? Wer übernimmt danach Verantwortung? Gute Leadership zeigt sich oft nicht in großen Strategiereden, sondern in der Konsequenz im Alltag.
Wirtschaftsmacher.com: Welche Rolle spielt Kommunikation dabei?
Gregor Baumgartner: Eine zentrale. Führung passiert zu einem großen Teil über Kommunikation. Gleichzeitig werden Probleme in vielen Unternehmen nicht offen angesprochen, weil Menschen Angst vor den Reaktionen haben. Dabei ist Klarheit nicht automatisch Härte. Klare Worte können sehr respektvoll sein. Für eine Führungskraft bedeutet das, auch unangenehme Dinge früh anzusprechen und gleichzeitig ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter ihre Meinung äußern können. Wenn niemand widerspricht, bedeutet das nicht automatisch, dass alle zustimmen. Gute Leadership braucht deshalb auch Führungskräfte, die zuhören können.
Wirtschaftsmacher.com: Sie kommen aus dem Profisport. Was können Führungskräfte von dort lernen?
Gregor Baumgartner: Im Profisport wird sehr schnell deutlich, was Leadership bedeutet. Eine Mannschaft hat ein gemeinsames Ziel, besteht aber aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Jeder hat eine Rolle, jeder muss Leistung bringen und gleichzeitig muss das Zusammenspiel funktionieren. Ein Trainer kann nicht jeden Spielzug selbst übernehmen. Er muss Menschen vorbereiten, Feedback geben, Entscheidungen treffen und dann darauf vertrauen, dass die Spieler ihre Aufgabe erfüllen. Das lässt sich gut auf Unternehmen übertragen. Gute Führung entwickelt Menschen so, dass sie Verantwortung auch ohne permanente Kontrolle übernehmen können.
Wirtschaftsmacher.com: Im Sport gehört Feedback selbstverständlich dazu. Ist das in Unternehmen anders?
Gregor Baumgartner: Häufig ja. In Unternehmen wird Feedback teilweise sehr vorsichtig behandelt oder so lange aufgeschoben, bis ein Problem groß geworden ist. Dabei ist regelmäßiges, ehrliches Feedback eine der wichtigsten Führungsaufgaben. Mitarbeiter sollten wissen, was gut läuft, aber genauso, wo Entwicklung notwendig ist. Leadership bedeutet für mich auch, Menschen nicht im Unklaren zu lassen.
Wirtschaftsmacher.com: Welche Rolle spielt die persönliche Leistungsfähigkeit einer Führungskraft?
Gregor Baumgartner: Eine große. Führung verlangt mentale und körperliche Belastbarkeit. Wer dauerhaft erschöpft ist oder schlecht schläft, trifft andere Entscheidungen und reagiert empfindlicher. Deshalb gehört Selbstführung für mich zu Leadership dazu. Wer andere führen möchte, sollte auch wissen, wie er mit der eigenen Energie, Belastung und Verantwortung umgeht. In meiner Arbeit bei GET BETTER sehe ich mich deshalb vor allem als Sparringspartner. Ich kann Fragen stellen, Muster sichtbar machen und Perspektiven öffnen. Veränderung funktioniert aber nur, wenn die Führungskraft selbst bereit ist, an sich zu arbeiten.
Wirtschaftsmacher.com: Sie garantieren bewusst keinen wirtschaftlichen Erfolg durch Coaching. Warum?
Gregor Baumgartner: Weil das unseriös wäre. Niemand kann garantieren, dass Coaching automatisch zu mehr Umsatz oder Gewinn führt. Dafür gibt es zu viele Einflussfaktoren. Mein Anspruch lautet „Serve not please“. Ich möchte helfen und nicht einfach gefallen. Das gilt aus meiner Sicht genauso für Leadership. Führung bedeutet nicht, es allen recht zu machen. Wenn ich nach einem Erstgespräch merke, dass eine Zusammenarbeit keinen Sinn ergibt, dann sage ich das.
Wirtschaftsmacher.com: Wann ist Ihre Arbeit mit einer Führungskraft erfolgreich abgeschlossen?
Gregor Baumgartner: Wenn ich nicht mehr dauerhaft gebraucht werde. Gute Führung zeigt sich für mich daran, dass ein Team auch ohne ständige Kontrolle zuverlässig arbeitet und Verantwortung übernimmt. Veränderung ist möglich. Einer der größten Bremsklötze bleibt der Satz: „Das war schon immer so.“ Künstliche Intelligenz kann viele Aufgaben übernehmen. Verantwortung, Kommunikation und Führung bleiben jedoch menschliche Aufgaben. Für Gregor Baumgartner liegt genau darin eine zentrale Herausforderung für Unternehmen: Technologie sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig Entscheidungsfähigkeit, Klarheit und Eigenverantwortung zu stärken.
Weitere Informationen zu Gregor Baumgartner und GET BETTER finden Interessierte auf www.get-better.at.
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